Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 05.01.2004 Wo der Zeitgeist kräftig durchgeschüttelt wird Das Kabarett der Galgenstricke in Esslingen ESSLINGEN. Es waren einmal 30 Theaterbegeisterte. Die stellten sich vor, in einem Schloss zu wohnen, weshalb auch immer. Zwei Kabarettisten sind übrig geblieben. Die hocken in einem Keller, nennen sich Galgenstricke und machen jedes Jahr ein neues Programm. Jetzt sind"s schon 24. Von Gunther Nething Dass Esslingen ein eigenes Kabarett im eigenen Keller hat, grenzt schon an ein Wunder. Inzwischen vielleicht nicht mehr, aber damals, in den Achtzigern, als etwa Volkszählung und Nachrüstung an der Stimmung nagten und zwischen denen da oben und denen da unten für Trennungsgrenzen sorgten, die so unüberwindbar schienen wie die Tore zum Mutlanger Pershing-Arsenal. Doch die Idee, in einem ehemaligen städtischen Obstkeller in der Webergasse künftig solche Früchte zu genießen, die einem möglicherweise im Hals stecken bleiben, fand prominente Fürsprecher in Rat und Verwaltung, in der Esslinger Kulturszene sowieso. Wenn es gilt, die Anfangsjahre zu rekapitulieren, so sind Herbert Häfele und Erich Koslowski, die beiden Galgenstricke, um Namen nicht verlegen. Wolfgang Drexler, Ansgar Ocker und Dieter Deuschle stehen für fraktionsübergreifendes Mitziehen, Harald Vogel für die treibende Kraft beim Zusammentrommeln des Fördervereins, Friedrich Schirmer, damals Intendant der Württembergischen Landesbühne, für tiefe und tätige Sympathie, Elisabeth Nill fürs Zuschussstrippenziehen beim Land, Heinz Springmann fürs Architektonische - und Eberhard Klapproth für einen stramm konservativen Oberbürgermeister, der gleichwohl über seinen Schatten sprang. Denn schließlich ging"s um die Kleinkunst - und das Renommee. "Uns geht"s gut", hieß das Premierenstück anno 1985. Und dies, obwohl noch immer die Frage offen war, ob nun die deutsche Kapitulation 40 Jahre zuvor als Zusammenbruch oder Befreiung zu sehen ist, Franz-Joseph Strauß noch immer die Geister schied, der Esslinger Ortsteil Sulzgries noch immer in der Nato war und weit und breit kein Schwuler zu sehen war, der als Bundespräsident - und damit als Ausweis von Liberalität - auch Erich Koslowski dazu animiert hätte, "dieses Land wieder zu lieben". Freilich war das Leben bis dahin nicht gänzlich lieblos mit Erich und Herbert umgegangen. Der Heumadener und der Untertürkheimer hatten an der einstigen Pädagogischen Hochschule Esslingen die Liebe zum Theaterspielen entdeckt, zusammen mit zwei starken Dutzend Gleichgesinnter. Dem einen fehlte das große Latinum für die Theaterwissenschaft, der andere hatte das große Latinum zwar, doch er wollte "was mit Musik" machen. So fügte sich das zusammen, die PH-Dozenten Martin Selge und Jörg Ehni hielten das theatralische Feuer wach. - "Tatort Schule" hieß das das erste Stück der Youngster-Truppe, und es muss so links und aufrüttelnd gewesen sein, dass die Drahtzieher mit Beamtenstatus befürchteten, man könne ihnen im inquisitorischen Gebräu aus Obrigkeitsdenken und Radikalenerlass "einen Strick draus drehen". Der Namen Galgenstricke ward zumindest schon angelegt, Dieter Trieß zählt anfänglich mit zu den Handlungsreisenden in Sachen Aufklärung und Widerborstigkeit. Von der ersten hauptberuflichen Truppe des Jahres 1977 blieben nach der ersten Dienstprüfung sechs Mimen übrig. Sie machten Kindertheater und nebenher Kabarett, oder umgekehrt, fuhren Kleinlaster wie Erich, um zu überleben. Jäh unterbrochen wurde das Ganze von einem ministeriellen Schreiben, sich doch der zweiten Dienstprüfung zuzuwenden, die Aufrüttler mussten kürzer treten und versanken gar für anderthalb Jahre im Schuldienst. "So nicht - das Leben und Sterben des Ottokar" lautete das Premierenstück nach Prüfungsfron und Pädagogenpraxis in Esslingens Studententreff vier peh. Ottokar ist Lehrer, stürzt sich von der Brücke, lebt dann aber doch weiter. So kann er von der Sonntagsbühne des vier peh runter zur Landesbühne und rüber in die Aula der PH ziehen. Esslingens mobile Kabarettisten absolvieren zwischen Neckar und Nesenbach bald bis zu 215 Auftritten im Jahr, ihr guter Ruf ereilt die Heimatstadt von draußen her: "Ihr habt doch da ein eigenes Kabarett . . ." Zum eigenen Kabarettkeller und zu Einrichtung eines Cafés just dort, wo einst das städtische Pflanzengiftlager war, blätterte die Stadt seinerzeit 150 000 Mark in drei Raten hin, das Land nahm die Galgenstricke unter die Fittiche seiner kontinuierlichen Förderung. Von "glücklichen Umständen" spricht Herbert Häfele, der Mann am Klavier, wenn er rückblickend an den Einstand von 250 000 Mark denkt, den Stadt, Land und Förderverein in die Webergasse fließen ließen. Und es sind Stadt und Land, die heute gemeinsam für die immerhin 75 000 Euro Jahreszuschuss aufkommen. Was sie machen, nennen Häfele und Koslowski Autorenkabarett. Will sagen: was sie sagen, bringen sie vorher selbst zu Papier. Mit "P(l)ayback" läuft derzeit das 24. Programm. Für Erich ist es "emmr a klois Kendle, dees mir auf d"Welt brenget" - nach nur drei Monaten Schwangerschaft. Doch das Frühchen ist flexibel und kann noch wachsen, wenn Aktuelles gegen die fixen Blöcke brandet. So musste das galoppierende Zeitgeistpotpourri aus Baumarktbeobachtungen und Kasinogenäsel um den Fall Hohmann und den Krach um Hanau ergänzt werden; dass Deutschlands Justiz Neuland betritt und sich um Kannibalen kümmert, blieb thematisch vorerst außen vor, wie sonst noch manches. Denn wenn es früher vielleicht genügte, den "Spiegel" auf seine Bühnenverwertbarkeit hin abzuklopfen, so wollen mittlerweile Lifestyle und Reality-TV, Fitnessfaxen und Wellnesswogen, Talkshowtremolo und Testosterongelaber beachtet oder zumindest aufgegriffen sein. Denn zweierlei, vielleicht auch mehrerlei, hat sich im Webergassenkeller gewandelt. Das geschlossene und verbiestert verteidigte Weltbild der Achtundsechziger wurde aufgebrochen, sagen die beiden Achtundvierziger Häfele und Koslowski, und die Klientel ist eine andere. Architekten kommen und Autohausmitarbeiter, Handwerker und Handballer, Geburtstagsfeiernde und Pharmavertreter, meist und oft in großen Gruppen. Sie alle wollen lachen und den Abend genießen, und wenn dann die Unterhaltung als Vehikel dient, um doch noch zu sensibilisieren, dann ist es den beiden recht. Denn bloßer Klamauk wäre zu wenig, den Wunsch nach einer besseren Welt habe man nicht aufgegeben, eingeschlagene Pflöcke richteten sich gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und die Missachtung von Menschenrechten. Die Ausrufung der Spaßgesellschaft daure zwar an, sagen die Galgenstricke, sehen darin aber keinen Widerspruch zur Schärfung des politisches Bewusstseins. Zumal in einer Zeit, die ganz unspaßig das einlöse, was sie schon vor zehn Jahren in einem Stück thematisiert hätten, die neue Armut. Die Galgenstricke und ihr Keller sind einmalig in der Region. Hier kommen viele unter, als Gastakteure auf der Bühne und in den Stuhlreihen. Als Zuhörer und Zuschauer hatte sich dieser Tage auch Markus Raab, Esslingens immer noch neuer Kulturbürgermeister, unters Publikum gemischt. Raab, der Vergleichsmöglichkeiten mit der Kleinkunstbühne im Reutlinger Rappen hat, war besonders angetan von der Mischung aus Grundthema und Aktualisierung. Ein institutionalisiertes Kabarett stelle für die Stadt einen großen Pluspunkt dar. Und für den Kulturschultes selbst ist es ein zusätzliches berufliches Plus, was ihm die Schlingel von den Galgenstricken auf den Weg gegeben haben. Die nächsten Vorstellungen finden vom 14. bis 17. Januar statt. Karten gibt es unter der Nummer 0711/35 44 44. Weitere Informationen im Internet: http://www.galgenstricke.de.
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