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Esslinger Zeitung Freitag,21.November 2003 Rabattjagden und enthüllende Autobiografien Sie frotzeln, frohlocken und vertragen sich hinterher wieder. Nichts ist vor ihnen sicher, fast nichts wirklich heilig, außer vielleicht das Frotzeln selbst. Melancholieumwölkte Endzeitstimmung richtet sich behaglich ein neben spritzigen und spitzfindigen Wortkaskaden im Enthüllungskabarett. Und wie immer mischen die Galgenstricke auch in ihrem neuen Programm Zeitgeist und Lokalpolitik mit Politikkritik. Denn wichtig ist letztendlich nur das, was sich auszahlt: "P(l)ayback" ! Alles kommt irgendwie zurück: "Geiz ist geil!" Nur wer viel ausgibt, kann auch viel sparen. Dem Jäger Überflüssiger, aber supergünstiger Schnäppchen folgt der Sammler kundengebundener Rabattpunkte. Der eine tankt für eine supergeile Körperfettwaage für unters Bett, der andere für eine neue Armbanduhr. Mündige Bürger organisieren ihren Alltag neu: Überlebenskampf im Kartendschungel, Lust statt Frust, mitten im Leben und voll daneben. Dabei sind diese das Land flutende Payback-Karten doch multifunktional und unentbehrlich für den Fall der Fälle, als Hundekotvomschuhabputzer beispielsweise. Niemand wird verschont. Wie immer nimmt die verschworene Seilschaft der Strickdreher alle auf die Schippe, keiner kommt ungeschoren davon. Herbert Häfele und Erich Koslowski importieren den Aufschwung- und Wirtschaftswundergeist der 50er Jahre in ihr Programm und den Nachkriegswiederaufbau durch Trümmerfrauen: "Augenblick, verweile doch..." oder noch einfacher . "Playback!" Die Galgenstricke zitieren (manchmal auch sich selbst) und fokussieren, ihre Rechenexempel sind dabei mehr als Überzeugend. Im Programm geht es um rechtsradikale Übergriffe in der Bundeswehr, die Gesundheitsreform, Rentenkürzungen und noch so einiges mehr. Und natürlich haben die beiden unter größtem inneren Druck gerade noch rechtzeitig zur Premiere ihre Biografien fertig geschrieben: "Tiefenrausch" der Titel der einen und "Vergiss mein Wein nicht", der andere - so enthüllend , dass alles geschwärzt ist, ein Schwarzbuch sozusagen. Und genauso natürlich scheuen sie - wie es heute üblich scheint - den Vergleich mit Goethe nicht. Homöopathisch und erträglich dosiert die Herren Daniel K., Bohlen und deren Schnackslereien. Fazit: Geiz allein und Superstars machen nicht glücklich, selbst wenn drum herum der Sozialstaat bebt. Deutschland sucht... ja was eigentlich? Aktuelles und entlarvendes, ideenreich und fesselnd bestrickendes Kabarett findet es jedenfalls im Keller in der Webergasse.(Elke Eberle)
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