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Alles geht den Bach runter - Esslinger Zeitung 27.11.2008 PDF Drucken E-Mail

Die Esslinger-Zeitung schreibt über das neue Programm des Kabarett der Galgenstricke

Alles geht den Bach hinunter

27.11.2008
ESSLINGEN: Premiere des neuen Hausprogramms „Spekulatius und
Googelhupf“ bei den Galgenstricken


Von Gaby Weiß
Es ist, als seien sie - ohne Rettungsring und -weste - einfach mal ins kalte Wasser
dieser Finanzkrise gesprungen, hätten sich mitreißen lassen vom Strudel der
Ereignisse an den Börsen und Märkten, wären ein Stückweit mitgetrieben mit dem
Strom all derer, die da beschissen haben, und all jener, die beschissen wurden,
wären dann nach mehreren unfreiwilligen Tauchgängen mit einigen Mühen wieder
an Land geschwommen, hätten sich einmal tüchtig geschüttelt, notdürftig
abgetrocknet und losgelegt. Die Richtung des neuen Programms „Spekulatius und
Googelhupf“ der Esslinger Galgenstricke, das am Dienstagabend Premiere hatte, ist
klar: Alles geht den Bach hinunter. Vielen steht das Wasser bis zum Hals. Und weil
jeder im Publikum selbst nasse Füße hat, weil im Au-genblick keiner weiß, wohin
die Reise geht, weil alle viel zu nahe dran sind am Weltgeschehen, die Stadt
Esslingen mit den Gebrüdern Lehman, der Würstlesbudenbesitzer in Rüsselsheim,
der Milliardär mit seinen Hochhäusern in New York, Herr X mit seinen Fonds fürs
mühsam Ersparte und der Hartz-IV-Empfänger mit seinen Kindern unterhalb der
Armutsgrenze - viel-leicht fiel deshalb das Lachen am Premierenabend bei den
Galgenstricken ein wenig zurückhaltend aus. Man lacht leichter, wenn die anderen
betroffen sind.


Klammern an jeden Strohhalm
Herbert Häfele und Erich Koslowski, die beiden Galgenstricke, campieren
mittlerweile im Zelt, wärmen sich am bullernden Ölfass und disputieren in
Jogginghosen am Stehtisch der gekachelten Kneipe über eine
Fremdpfandflaschensonderabgabe, über Hundert-Euro-Scheine, die auf den
Cayman-Inseln in der Sonne liegen, und über eine Bebauung des Esslinger
Marktplatzes mit einem 32-stöckigen Zentrum mit ganzjährigem Weihnachtsmarkt.
Schon der erste Song, ein musikalischer Parforceritt durch die politischen Irrungen
und Wirrungen der vergangenen Wochen, zeigt, wo’s langgeht: „Von guten Mächten
wunderbar geborgen“ - von wegen! „So lasst uns tief ergriffen bitter weinen“ - so
ist’s recht. Da capo, eine Wiederholung bitte, möchte man rufen ob der
hochkomplexen Themen, kunstvoll komprimierten Texte und hanebüchenen
Theorien, die allerdings angesichts der Aussichtslosigkeit der Lage so utopisch gar
nicht mehr scheinen: Man klammert sich an jeden Strohhalm. Garniert mit
schwäbischen Kommentaren direkt dem Volke abgelauscht und bestechend
musikalisch arrangiert: Wer ganz genau hinhört, der kann inmitten der ganzen
Misere ein jubilierendes „Oh happy day“ vernehmen - aber wirklich nur ganz kurz.
Wenn Herbert Häfele und Erich Koslowski Pech haben, dann be-schließt irgendein
Ölpreis-„Spekulatius“, die Benzinpreise zwischen zwei Sketchen schnell mal um 20
Cent zu erhöhen und ein gut geplanter Gag ist Makulatur. Wenn es schlecht für die
Kabarettisten läuft, dann liegen zwischen Anfangsgag und Schlussapplaus fünf
Prozent Inflation - ob man vielleicht zwischendurch nochmal abkassieren sollte?
Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es von Herzen kam, als das
Premierenpublikum vollmundig ins abschließende „Kampflied zur Finanzkrise“
einstimmte und inbrünstig intonierte: „Weißt Du wie viel Zocker spielen, mit Deinem
Hab und Gut?“


Wie Global Players zu nennen sind
Die Gags zum Schenkelklopfen und bloßen Ablachen sind im neuen Programm der
Galgenstricke in der Unterzahl, zum Durchatmen fürs Publikum gibt’s mal einen
„Original Sulzgries Gangsta“, der netto auf Ghetto reimt und jedem eins auf die
Mütze haut, mal eine köstliche Aneinanderreihung von Sprichwörtern. Der
Menschen Weisheit in Plattitüden beginnt beim alten Holzmichel und endet mit dem
Leben, das einer Hühnerleiter gleicht: kurz und beschissen. Sogar das harmlose
Liedlein zur Silberhochzeit gerät als Moritat der Midlifecrisis-geschüttelten Männer
zur rabenschwarzen Kriminalgeschichte. Und auch Herbert Häfeles mathematische
Deutung der 26 Buchstaben des Alphabets ergibt - wenn er nur lange genug von
kreuz nach quer rechnet -, dass Global Players ohne Moral und Anstand schlicht
Verbrecher zu nennen sind.